30.09.

Long Distance Art – Rapid Product einmal anders

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Wie der Titel bereits verrät, soll hier Kunst über einen große Distance hinweg entstehen. Entwickelt wurde das Konzept von unseren Visualisierungspartnern STRUKT. Der Künstler Alex Kiessling zeichnet im Museumsquartier, die Bewegungen werden im Raum analysiert, die Koordinaten an einen Roboterarm (ABB IRB 4600) übermittelt, und somit auf eine Leinwand am Trafalgar Square in London und auf den Breitscheidplatz in Berlin übertragen. Das Ergebnis wird dann ein Triptychon aus drei Zeichnungen sein, die zusammen das Kunstwerk ergeben.

Soweit so einfach. Die große Herausforderung lag in der Kombination von Techniken die für diesen Zweck nicht erfunden wurden und der Herstellung der Schnittstellen zu den jeweiligen Komponenten.

So ist der Roboter für die Verarbeitung von Echtzeitdaten nicht konzipiert bzw. dazu gedacht zu zeichnen.

Testphase mit dem IRB-4600

Testphase mit dem IRB-4600

 

Die Bedeutung von Erfahrung

Für Alex Kiessling war es ungewohnt seine Hand nicht auf der Zeichnung abzustützen. Da der Infrarot-Touchrahmen ein Netz über die Zeichnung legt, um die Position des Stiftes zu erfassen, würde das Ablegen des Handballens eine falsche Positionsinformation an den Roboter liefern. Erste Versuche mit einem verschiebbaren, stabilen aber schweren Vertikallineal haben Alex überzeugt, sich doch eine neue Maltechnik anzueignen.

Im Normalfall liegt das Infrarotnetz des Rahmens mehrere Zehntelmillimeter über einem Glas, welches eine gerade Ebene darstellt. Ganz anders verhält es sich hier bei diesem Projekt, da sich Papier immer wellt und selbst die verwendete Platte mit aufkaschiertem Papier verhielt sich aufgrund der Luftfeuchtigkeit sehr situativ. Es galt also den richtigen Abstand zum Papier  zu finden und trotzdem die genaue Position der Stiftspitze zu übertragen.

Alex Kiessling beim Test des Infrarot Rahmens

Alex Kiessling beim Test des Infrarot Rahmens

 

Die Grenzen von Projektmanagement

Wo wir gerade bei einer geraden Ebene sind: Wir mussten sicherstellen, dass die Zeichenfläche weder konkave, konvexe, geneigte oder verwundene Ebenen aufweist.  Präzision liegt eben in der Natur von Robotern. Der IRB 4600 hatte ja den Auftrag die beiden zuletzt gesendeten Positionspunkte zu verbinden, was sich als schwierig herausstellen kann, wenn sich die Zeichenebene z.B. rechts oben nach hinten neigt, während der Roboter auf einer vorher definierten Ebene sein Programm abspielt, welches das nicht berücksichtigen kann.

Der Infrarotrahmen übermittelt einzelne Positionen an die Betriebssoftware des Industrie-Roboters.  Die Programmierung muss die Verbindung mehrerer solcher Positionen zu einer Linie und die daraus entstehenden Bewegungen über die 6 möglichen Achsen der Maschine ermöglichen. Um etwas Authentizität zu verstrahlen, sollte der Roboter etwaige Entspannungs- oder Winkbewegungen des Künstler natürlich auch mitmachen.

Software zur Erfassung der Stiftposition

Software zur Erfassung der Stiftposition

Wie großartig Mutter Natur unsere Hand erfunden hat stellten wir fest, als der Roboter den Stift nach einigen Strichen bereits unbrauchbar gemacht hat. Ganz abgesehen von der daraus entstandenen richtigen Wahl des Zeichenuntergrundes, verhalf eine gefederte Stifthalterung und eine schräge, gezogene Führung des Stiftes mit leichten Drehimpulsen über die sechste Achse dem verwendeten Faserstift zu ausreichender Lebenslänge.

Obige Aufgabenstellungen sind nur beispielhaft genannt für eine Vielzahl an Tätigkeiten die in diesem Projekt koordiniert werden mussten. Der Projektplan sah viele Milestones vor, anhand derer sich der Fortschritt messen und nichts vergessen ließ. Nachträgliches Lob der vor Ort handelnden Personen für die „perfekte“ Vorbereitung tat da sehr gut! Grpßer Dank gebührt unseren Partnern, ohne deren Unterstützung die  Umsetzung nicht möglich gewesen wäre.

Projekt-Manager, die glauben sie hätten alles in der Hand, wollen aber an dieser Stelle gewarnt sein:

Spannend wurde es dann nämlich doch bei der Montage der Roboter in London, wo nur geschulte Nerven und Fokussierung auf Lösungsvorschlägen gefragt waren. Unser Konzept von Rapid Product findet also auch in fremden Gefilden Anwendung:

Nach unserem wochenlangen Briefing vorab, erwarteten wir stabile Betonpodeste (3,5t) die den dynamischen Kräften der beiden orangefarbigen ABB-Kraftlackeln gewachsen waren. In der Testphase verwendeten wir eine 30mm starke, im Boden verankerte Stahlplatte als Basis für den IRB 4600.  Damit konnte bei seitlich ausgestrecktem Arm und kurzen vertikalen Malbewegungen der Roboterarm nicht schwingen und seine Position halten. Während die deutschen Bühnenbauer sofort den Vorschlag umsetzten und in klischeehafter Manier Beton verarbeiteten, ließen die Briten aus transporttechnischen Gründen einen großen Wassertank aus Stahl bauen. Gefüllt mit 4.000l Wasser sollte das genügen. Sie hatten allerdings das Schwingungsverhalten von Stahl vollkommen unterschätzt.  Nachträgliche Schweißarbeiten mussten vor Ort koordiniert werden um hier Abhilfe zu schaffen. Für das Event war das Problem gelöst und von der am Ende gewellten Linie bei einer extremen Testsituation wollen wir getrost schweigen.

Am Ende wurden wir mit einem medial großartig verbreitetem Event belohnt, bei dem selbstverständlich alles wie gewollt ablief….

Die Links zu den Medienberichten finden sie im Projekt Long Distance Art

Zwei Originale

Zwei Originale

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